Das damalige Lieblingswort meines neunjährigen Sohnes war „nice“. Also quasi das neue „cool“ und damit der Nachnachgänger von „geil“.
Ist nicht mein Wort, war aber eben seines. Ich sitze sowas aus. Und weiß: Nach der ca. 586.745sten Wiederholung hat sich auch dieses Wort abgenutzt. Das ist wie mit guten Songs im Radio. Die höre ich gerne. Auch gern viermal am Tag. Vielleicht auch noch fünfmal täglich. Maximal. Aber spätestens dann bin ich schon zu der Erkenntnis gekommen:
In ein paar Tagen hängt mir dieses wunderschöne, melodische, gut ins Ohr gehende Lied zum Halse raus. Dann werde ich den Sender wechseln, sobald die ersten Töne erklingen. Dann werde ich irgendwann aggressiv, weil mich das Lied verfolgt – vom Ohrwurm zum akustischen Bandwurm wird. Schade. Das Lied ist toll. Aber leider nicht rar genug, um begehrenswert zu bleiben.
Für einen farbenfroheren Sprach“raum“ empfehle ich euch daher: Findet „eure“ Worte. Die Worte, die ihr gerne aussprecht, die euch leicht über die Lippen gehen, die euch ein gutes Gefühl geben, wenn ihr sie niederschreibt, niedertippt. Und findet vor allem derer viele. Damit ihr immer genügend Auswahl und Varianz habt, um keines dieser facettenreichen, perfekt zu euch passenden Worte überzustrapazieren. Abzunutzen. Denn das hat keines eurer Worte verdient. Und ich verspreche euch:
Es wird trotzdem passieren.
Weil ihr immer ein ganz spezielles Lieblingswort haben werdet, dass euch besser gefällt als alle anderen. Das man gar nicht oft genug benutzen kann. Das sich überhaupt nicht abnutzt. Nicht in euren Ohren. Aber denkt auch an eure Gesprächspartner. Die müssen sich das Wort immer und immer wieder anhören. Ihr erkennt erste Abnutzungserscheinungen ganz leicht an einer spürbaren Nervosität, einer Ungeduld eures Gegenübers. Je nach Gesichtsbeherrschungskompetenz auch an einem nicht gut genug verborgenen Augenverdrehen.
Denkt zurück: Ihr seid der Programmdirektor des Radiosenders und habt es versäumt, euren Lieblingssong rar genug zu halten. Vielleicht fühltet ihr euch anfänglich bestärkt, weil ihr die positive Wirkung eures Lieblingswortes auf Andere bemerkt habt. „Kommt gut an, sollte ich öfters verwenden.“, werdet ihr euch gedacht haben. Macht nicht denselben Fehler vieler Radiosender und:
Bewahrt euch den Glanz eurer Lieblingsworte.
Wie mein Sohn ausgerechnet auf das Wort „nice“ gekommen ist?
Richtig: Nicht von alleine. Dafür gibt es heutzutage YouTuber, also Menschen, die via YouTube Videos veröffentlichen und in diesem speziellen Fall Videospiele kommentieren – völlig gerechtfertigt und mit großer Followerzahl. Der besagte YouTuber macht dies deutschsprachig, findet aber so ziemlich alles „nice“. „Cooler YouTuber, cooles Wort!!, wird mein Sohn sich gedacht und das Wort direkt in seinen Sprachschatz integriert haben. Dagegen ist im Prinzip auch nichts einzuwenden, so lange das Wort wohl dosiert wird. Aber wie wir oben bereits erfahren haben, gelingt dies nicht immer.
Kennt ihr nicht?
Vielleicht doch. Ich zumindest schon, auch wenn ich mir keine kommentierten YouTube-Videos anschaue oder besser -höre.
Woher ich das kenne? Von meiner Arbeitsstelle.
Auch hier gibt es Vorbilder, Führungskräfte, Geschäftsführer, Personalentwickler, Kollegen zu denen wir aufschauen, deren Arbeit wir schätzen und – ja – ein bisschen wären wir gern wie sie.
Unsere Verhaltensmuster zu ändern ist eine ambitionierte Aufgabe. Leichter ist es da oft, uns etwas anderes abzuschauen (-hören).
Vor einigen Jahren erfreute sich mein damaliger Arbeitgeber an einem sehr charismatischen, authentischen, nahbaren Geschäftsführer inklusive Doktortitel. Wenn dieser vor der Belegschaft sprach, hatte er unsere ungeteilte Aufmerksamkeit. Auch ich habe ihm sehr gern zugehört, weil er es schaffte, uns mitzunehmen, seine Message zu transportieren, in leicht zugänglicher Sprache. Und am Ende des Tages gelang es ihm, auch bei schwierigen Entscheidungen seine Mannschaft hinter sich zu wissen. Am Ende des Tages gaben ihm die Zahlen Recht. Am Ende des Tages machte alles irgendwie Sinn. Und „am Ende des Tages“ war die Formulierung, die er nicht am Ende des Tages, aber gefühlt in jedem zweiten Satz nutze. Das war okay. Wir fanden ihn toll, er durfte das. Hätte nicht Not getan, aber okay. So oft hat er nicht vor uns gesprochen, so dass die Akustische-Bandwurmwirkung nicht einsetzte.
Interessant wurde es, anderen Führungskräften zuzuhören. In immer mehr Meetings schlich sich das Ende des Tages ein. Ob es nun inhaltlich Sinn ergab oder nicht. Hauptsache, das Ziel wurde „am Ende des Tages“ erreicht. Welchen Tages auch immer.
Und man stelle fest: Beim einen ist es der angesagte YouTuber, beim anderen ein Geschäftsführer und bei euch vielleicht noch jemand ganz anderes.
Festzuhalten bleibt: Egal ob „nice“, „am Ende des Tages“ oder ein anderes Wortgeflecht: Diese Worte oder Satzbausteine entwickeln ihr Eigenleben. Werden auf ihre Art zum viralen Wortinfekt: Einmal in die Gehörgänge eingedrungen und aus dem Mund über die Zunge wieder entwichen erreichen sie den Gehörgang des nächsten und vermehren sich auf diese Weise höchst effektiv.
Schade wird es immer dann, wenn diese Virus-Worte die eigentliche Message überblenden. Im Fall von „am Ende des Tages“ habe ich mich dabei erwischt (und ich weiß, dass es mir nicht alleine so erging), in Meetings mehr darauf zu achten, wann wieder jemand „am Ende des Tages“ sagt, als auf die eigentliche Diskussionsgrundlage, um am Ende des Tages – äh Meetings – festzustellen, das erschütternder Weise wenig substantieller Inhalt hängen geblieben ist. Das wollten sicherlich weder die Teilnehmer des Meetings, noch unser geschätzter Geschäftsführer.
Gibt es aber einen wirksamen Schutz gegen einen viralen Wortinfekt?
Es ist wie bei jeder anderen Viruserkrankung: Antibiotika sind wirkungslos. Bei Viruserkrankungen hilft im besten Fall die körpereigene Abwehr. Ist unsere körpereigene Abwehr einmal mit einem (auch akustischen) Virus fertig geworden, dann ist unser Körper, bzw. sind in unserem Fall unsere Ohren, in den meisten Fällen gegen den Virus immun.
Und so gelangen wir zurück zum Anfang dieses Artikels:
Findet Worte, die euch stehen.
Finden – nicht kopieren!
Kopieren ist in Ausnahmefällen erlaubt, aber achtet auf eure körpereigene Abwehr.
Legt euch ein Lieblingswort-Lager an, mit dem ihr sprachlich flexibel bleibt.
NACHTRAG
Jeder von uns hat seine Lieblingsworte. Worte, die ihn charakterisieren, an denen wir ihn/ sie erkennen. Die uns zur Weißglut oder aber auch zum Schmunzeln bringen. Wie oben beschrieben stören uns diese meist nicht, wenn sie in unseren Ohren rar bleiben. Weil ein Geschäftsführer nur ab und zu eine Ansprache hält, weil wir Menschen nur ab und zu sehen beziehungsweise hören.
Opa Walter war einer von diesen Menschen. Wir haben uns vielleicht drei- bis viermal im Jahr gesehen. An Geburtstagen, zu Weihnachten – immer, wenn die Familie zusammenkommen sollte. Opa Walter erzählte gern von seinen Erlebnissen. Aus der Gegenwart und noch lieber aus der Vergangenheit: Als er in französischer Gefangenschaft war und als Uhrmeister die Zeitmesser der Alliierten reparieren durfte. Die Zeit zu kennen war ein seltenes und daher kostbares Gut, dass es zu erhalten galt. Es besaß einen hohen Wert. Und Opa Walter war während seiner Kriegsgefangenschaft der Hüter der Zeit. Und genoss dadurch Privilegien. Wie für alle anderen Gefangenen auch, muss es eine harte Zeit für ihn gewesen sein, aber erzählt hat er immer von seinem „Glück“, es mit dem richtigen Beruf an einem falschen Ort dennoch etwas erträglicher gehabt zu haben. Und wenn Opa Walter irgendetwas besonders skurril, komisch oder unfassbar fand, dann lachte er, schüttelte den Kopf und sagte: „Kär, Kär, Kär!“. Ich habe das immer mit Mannomann oder Menschenskindernocheins übersetzt. Gefragt habe ich ihn nie, aber „Kär, Kär, Kär“ – das war Opa.
Inzwischen habe ich ergoogelt, dass es tatsächlich westfälische Mundart ist und wohl von dem Wort „Kerl“ abstammt, das mit der Zeit einfach seines Abschluss-L’s beraubt wurde, also „Ker, Ker, Ker“. Obwohl ich die Bedeutung dieser Worte nie wirklich kannte, habe ich sie doch verstanden. Sie machten Sinn. Besonders bei Opa Walter.
Seit ungefähr 18 Jahren habe ich dieses „Kär, Kär, Kär“ nicht mehr gehört, was daran liegt, dass Opa Walter seit 18 Jahren nicht mehr bei uns ist. Aber – und das kennt ihr sicher auch: Sollte ich jemals wieder ein „Kär, Kär, Kär“ hören (und allein, wenn ich jetzt beim Schreiben daran denke), dann sehe ich Opa Walter, wie er lacht, seine Geschichten erzählt, sich auf die Schenkel klopft und: bei mir ein gutes Gefühl auslöst. Diese Worte sind so eng mit diesem Menschen und seiner Freude verwoben, dass sie – einmal gehört – Assoziationen, wie Glück, Lachen, Liebe, Familie und Geborgenheit auslösen. So sind sie in meinem Denkmuster programmiert.

Ein NLP-Experte könnte jetzt das Beispiel mit der Zitrone bringen und das geht ungefähr so: Stellt euch vor…
Ihr seid in der Küche. Vor euch auf dem hölzernen Schneidebrett liegt eine saftige Zitrone, daneben ein scharfes Messer.
Ihr greift zur faustgroßen Frucht, fühlt ihre wellige, wächserne Oberfläche, seht das strahlende Gelb mit den leichten grünen Sprenklern, legt sie euch auf dem Schneidebrett zurecht, nehmt das Messer und setzt zum Schnitt an.
Langsam dringt die Klinge in das Zitrusgewächs, zunächst noch etwas mühsam durch die feste Schale, bis sie zum Fruchtfleisch vorgedrungen ist. Jetzt geht es leichter, eure Finger werden benetzt vom sauren Saft, ein paar Tropfen spritzen euch ins Gesicht und auf eure Hände.
Ihr hört das Schmatzen, wenn die Klinge eures Messers das saftige Fruchtfleisch zerteilt und dann liegen sie vor euch: die beiden Zitronenhälften – mit der Schale nach unten und offenbaren euch ihre Köstlichkeit.
Ihr überlegt, ob ihr wirklich hineinbeißen solltet. Ihr führt den Zitronenschnitzer Richtung Mund, die leichte Säure steigt euch in die Nase. Und weil ihr wisst, wie gesund Vitamin C ist, beißt ihr nun beherzt in euer Zitronenstück.
Habt ihr etwas bemerkt?
Vielleicht eine Speichelzunahme in eurem Mund? Mir schießt der Speichel geradezu sintflutartig in die Mundhöhle – denn das löst eine Zitrone und ihr Geschmack in mir aus.
Erlebt, erfahren, gespürt, gespeichert. Und mit Worten verknüpft. Eine solche Macht haben Worte. Sie nehmen uns mit in erlebte Erlebnisse, geschmeckte Geschmäcker, gefühlte Gefühle. Oder bringen uns – wie bei Opa Walter – einfach nur nach Hause.



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