SIND SIE ZU DUMM, BIST DU ZU SCHLAU

Auf geht’s zu einem Tauchgang in die Tiefsee.

Wer von euch ist schon einmal getaucht? Wer von euch würde gern – hat dies aber an Ermangelung von Möglichkeiten oder Mut noch nicht getan? Bevor wir uns gleich alle gemeinsam ins Wasser begeben, füllen wir unsere Tauchflaschen mit etwas Business-Luft, denn: Kommunikation und Tiefseetauchen sind sich sehr viel ähnlicher, als ihr vielleicht vermutet.


Job-technisch nutze ich gern den Ausdruck „Berufs-Unwissende“. Warum? Genau diese Unwissenheit ist es, die mir beim Verfassen von Informationen am meisten hilft.

Im Normalfall kommuniziere ich Neuheiten aus Projekten, technische Errungenschaften oder strategische Wegbeschreibungen. Dabei bin ich weder im fachlichen Projekt- noch im IT-Team und schon gar nicht per Direktschalte zu unserer Geschäftsführung am Puls des Geschehens. Diesen Anspruch hatte ich zu Beginn meiner Tätigkeit, habe aber schnell festgestellt, dass „dumm sein“ durchaus Vorteile hat.

Die Erkenntnis kam mir, als ich das erste Mal den Auftrag für eine Projektkommunikation erhielt, zu einem Zeitpunkt, zu dem das Projekt schon kurz vor seinem Abschluss stand. Ich wurde also dazu geholt und für die anstehende Kommunikation gebrieft. Von den Teilprojektleitern. Sehr engagiert und mit Leidenschaft für’s Thema..

Und: aus einer fachspezifischen Tiefsee hinauf zu mir, die ich an der Wasseroberfläche schwamm …

 … und im Trüben fischte.

Während mir beim Briefing mit Produktmanagern klar war, dass ich meinen Kollegen eine genauere Beschreibung des Attributes „schön“ (s. 896 SCHADES OF SCHÖN) entlocken musste, wusste ich hier noch nicht einmal, worum es für den späteren Anwender überhaupt ging.

Ich habe unendlich viele Rückfragen gestellt, um später überhaupt in der Lage zu sein, einen sinnvollen Text formulieren zu können, denn: Wenn ich es schon nicht verstehe, wie sollen es dann die Leser?

Dieses Vorgehen erwies sich als sehr zielführend, denn schließlich befanden sich die Leser auf demselben (Un-)Wissenslevel wie ich. Noch schwammen sie ebenfalls an der Oberfläche und ahnten nicht, was für bahnbrechende Neuheiten sich in der Tiefsee verbargen und von ihnen geborgen werden wollten. Es wäre zu schade gewesen, wenn sie den Wert dieser Schätze nicht erkannt (verstanden) und ihnen somit das Interesse daran gefehlt hätte.

Durch meine eigene Unwissenheit habe ich mit der Kommunikation auf dem genau richtigen Level angesetzt: Level 0 = an der Oberfläche. Denn bevor die grundlegenden Informationen nicht verstanden sind, brauchen wir nicht in die Tiefe zu gehen:

  1. Schwimmen
  2. Schnorcheln
  3. Tauchen im Pool
  4. Tauchen im Meer
  5. Tiefseetauchen

Anders klappt es nicht und zeigt auch, dass man im über- oder überübernächsten Schritt kommunikativ neue Meereswelten erforschen darf. Macht ja auch viel mehr Spaß. Der Taucher sollte sich aber während des Tauchgangs keine Sorgen machen müssen, ob er es denn als Nichtschwimmer überhaupt wieder ans Ufer schafft.

Ich denke, dieses berufliche Beispiel können wir sehr gut in unser privates Leben übernehmen, denn wir kommen immer wieder in Situationen, in denen wir uns mit Menschen unterhalten, die uns gegenüber zu bestimmten Themen einen Wissensvorsprung oder eine Wissenslücke haben.

Wenn ihr diejenigen mit dem Vorsprung seid:
Macht es euch und eurem Gesprächspartner leichter, indem ihr ihm erst einmal – je nach Level – zum Beispiel Schnorcheln beibringt. Nicht oberlehrerhaft, sondern partnerschaftlich. Ansonsten werdet ihr euren kommunikativen Tauchgang alleine antreten, mit einem Zuhörer, der ggf. interessiert nickt, aber nicht den Mut oder Willen hat, Luft zu holen und hinterherzutauchen und daher leider an der Oberfläche bleiben muss.

Wenn ihr diejenigen mit der Wissenslücke seid:
Macht auch ihr es eurem Gesprächspartner leichter und sprecht diese Wissenslücke an. Ihr wollt doch auch die bunten Fische sehen und nicht nur plätscherndes Wasser.

Die Kunst, anderer Menschen Wissenslücken zu erkennen und die Offenheit, eigene Wissenslücken anzusprechen, besteht meiner Erfahrung nach darin, euer Gegenüber zu beobachten. Wirft dieses eigene Meinungen zu dem Thema ein oder stellt versierte Rückfragen? Und an euch selbst: Wollt ihr das Thema überhaupt verstehen oder reicht es euch, dem Gegenüber ein offenes Ohr (für Worte, nicht für Inhalte!) zu schenken? Braucht euer Gegenüber vielleicht einfach nur ein Auffangbecken, in dem es seine Fische schwimmen lassen kann?

Folgendes dürft ihr gern mit eurem Netz einfangen:
Mehr Bildung/ Wissen macht uns nicht unbedingt zu einem besseren Wortfinder. Manchmal verursacht sie das Gegenteil und wir verlieren unsere Mitschwimmer, noch bevor die ersten Fische in Sicht sind.

In Dekorationsideen gesprochen, empfehle ich euch also KOMMUNIKATIVES KLARGLAS für berufliche sowie private Transparenz gegenüber euren Gesprächspartnern.

Der nächste Tauchgang kommt bestimmt!

Wie gut, wenn ihr dann neben dem Tauchrevier auch eure Mittauchenden gut im Blick behaltet und zu echten Buddies macht. 🤿 👌


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